Über Nitrate

Der aktuelle Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser liegt laut der deutschen und österreichischen Trinkwasserverordnung bei 50 mg/l, nach der schweizerischen Gewässerschutzverordnung bei 40 mg/l.

Dieser Grenzwert wird von den Wasserversorgern verpflichtend eingehalten.

Verteilung der Nitratwerte

Ausgehend von den auf der Karte farblich dargestellten unterschiedlichen Bereiche ergibt sich zum aktuellen Zeitpunkt folgende Verteilung der Nitratwerte für Deutschland:

0 - 10 mg/l 10,1 - 25 mg/l 25,1 - 50 mg/l
62%(2019)
28%
10%

Das bedeutet, dass aktuell für über 60% der Bevölkerung das Trinkwasser niedrige Nitratwerte aufweist und laut Bundesamt für Risikobewertung auch für die Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet ist.

Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen beziehen sich die gesundheitlichen Bedenken gegen eine überhöhte Nitrataufnahme aus der Nahrung in erster Linie auf die mögliche Reaktionskette Nitrat-Nitrit-Nitrosamine. Letztere haben sich in Tierversuchen als Krebs auslösend (karzinogen) erwiesen. Aus diesem Grunde sollte die Nitratzufuhr bis zur Klärung der noch offenen Fragen, insbesondere zur Bedeutung dieses Befundes für den Menschen, möglichst weitgehend reduziert werden (1).

Wo kommt es her

Viele Böden sind heute arm an Stickstoff und werden deshalb in der Landwirtschaft mit Gülle und stickstoffhaltigen Salzen gedüngt. Durch Nitrifikation entsteht im Boden unter Mitwirkung von Bakterien aus Ammoniumionen (NH4+) über die Zwischenstufe Nitrit das Nitrat.

Wo wird gemessen

Die Wasserversorgungsunternehmen überwachen die Trinkwasserqualität sehr genau, hierbei ist besonders der Nitratgehalt in letzter Zeit in den Fokus gerückt (2). Die Messstellen, an denen ein signifikant erhöhter Nitratwert im Grundwasser festgestellt wurde, liegen (sehr bewusst) mehrere hundert Meter bis mehrere Kilometer von den eigentlichen Brunnen entfernt, aus denen das Trinkwasser gewonnen wird. Die Messungen dienen so als Vorwarnungen, um den verantwortlichen Stellen genügend Zeit zu geben, um Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Welche Risiken gibt es

Die Ursache für gesundheitliche Risiken liegt in der Gefahr einer Reduktion des Nitrats zu Nitrit und der Bildung von krebserregenden Nitrosaminen. Eine solche Umwandlung findet zum einen im Darm durch entsprechende Bakterien statt, zum anderen können auch die Speicheldrüsen über den Blutweg angeschwemmtes Nitrat reduzieren. Die Darmflora des Säuglings kann (wie die Darmflora eines Erwachsenen) Nitrit bildende Bakterien enthalten.

Krebserkrankungen und Geburtsschäden

Amerikanische Studien an 16.000 Frauen in Iowa fanden Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen der Blase, der Eierstöcke, der Nieren und der Schilddrüse(3). Andere Studien in Texas und Iowa haben Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Geburtsschäden - Gaumenspalten und Spina bifida - bei Neugeborenen gefunden, deren Mütter Trinkwasser mit Nitratwerten von mehr als 5-6 mg/l während der Schwangerschaft getrunken haben(6).

Darmkrebs

Eine andere aktuelle Studie um Dr. Jörg Schullehner von der Universität Aarhus in Dänemark mit ca. 1,7 Millionen Teilnehmern über einen Zeitraum von über 30 Jahren (1978 - 2011)4, fand einen direkten Zusammenhang zwischen dem Risiko an Darmkrebs zu erkranken und dem Nitratgehalt des Trinkwassers: So hatten die Teilnehmer, die über den gesamten Zeitraum der Studie mehr als 16 mg/l Nitrat ausgesetzt waren, ein beinahe 20 Prozent höheres Darmkrebsrisiko als die, die weniger als 0,7 mg/l Nitrat über das Trinkwasser aufgenommen hatten.

Die Studienautoren betonen, es sei besonders bedenklich, dass ein Risikoanstieg bereits bei Nitratkonzentrationen zu verzeichnen war, die deutlich unter den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten liegen, deshalb sei es sinnvoll über eine Reduzierung der Trinkwassergrenzwerte nachzudenken, unabhängig davon, dass das Thema weitere Studien erfordert.(7)

Säuglings-Blausucht

Ein weiters Risiko für Säuglinge besteht in der Oxidation des Hämoglobin durch das entstehende Nitrit zu Methämoglobin. Hämoglobin ist ein Eiweiß, das sich im Inneren der roten Blutkörperchen befindet und für den Transport des über die Lungen eingeatmeten Sauerstoffs zu den Zellen verantwortlich ist.

Durch eine natürliche Enzymreaktion wird das Methämoglobin größtenteils wieder zu Hämoglobin reduziert, ein natürlicher Kreislauf, der bei einem Säugling jedoch noch nicht richtig funktioniert, da er eine noch nicht ausgereifte Reduktionskapazität hat.

Wenn diese Rückreduzierung aber unterbleibt und das funktionsuntüchtige Methämoglobin keinen Sauerstoff an die Gewebezellen abgeben kann, besteht die Gefahr des inneren Ersticken, zu Erkennen an einer violetten bis bläulichen Verfärbung der Haut, der Schleimhäute, der Lippen und der Fingernägel. Besonders Säuglinge bis zum 6. Monat sind anfällig für diese Säuglings-Blausucht.(8)

Was bedeutet das

Die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene akzeptable tägliche Aufnahmemenge (ADI-Wert) von Nitrat (NO3-) liegt bei 0-3,7 mg/kg Körpergewicht.

Das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) hat dazu folgende Rechnung aufgemacht:

Alter Median* P 95** Max***
3 Monate 5,4 7,4 8,0
6 Monate 3,3 5,0 5,5
9 Monate 2,3 4,7 10,0
12 Monate 1,6 4,2 8,8

Tägliche Nitrataufnahme (mg/kg KG) von Säuglingen, deren Formula-Nahrung mit Trinkwasser unter Ausschöpfung der geltenden Höchstmenge von 50 mg/l zubereitet wurde

* Median = 50. Percentil, durchschnittliches Körpergewicht in dieser Altersgruppe
** P95 = 95. Percentil, nur 5% in dieser Altersgruppe wiegen mehr
*** Max = beobachteter Maximalwert in dieser Altersgruppe

Das bedeutet dass bei 3 Monate alten Säuglingen die maximal zulässige Nitrataufnahme um ein mehrfaches, bei 6 Monate alten Säuglingen immer noch deutlich überschritten wird. Bei 3 Monate alten Säuglingen dürfte der Nitratgehalt demnach bei maximal 23 mg/l, bei einem 6 Monate alten Säugling bei 33 mg/l liegen um die maximal zulässige Aufnahmemenge einzuhalten, wenn man den jeweiligen Maxiamlwert der Altersgruppe heran zieht. Dies immer unter der Annahme, dass nicht mit Obst oder Gemüse beigefügter wird.

Bei älteren Kindern ab dem 6 Monat besteht die Gefahr der Säuglingsblausucht zwar nicht mehr, die krebserregenden Nitrosamine stellen hier das größte Risiko dar, besonders weil davon auszugehen ist, dass in dem Alter mit der Beigabe von Obst und Gemüse begonnen wird.

Das BfR hat hinzu folgende Berechnung für eine in der Diätverordnung fest gelegte Höchstmenge 250 mg Nitrat/kg Fertignahrung im 200 Gramm Gläschen mit 100g Gemüse aufgestellt:

Alter ADI-Wert
12 Monate (9,5 – 10,3 kg Körpergewicht) 5,3 – 4,8 mg/kg Körpergewicht
18 Monate (10,9 – 11,8 kg Körpergewicht) 4,6 – 4,2 mg/kg Körpergewicht
24 Monate (12,3 – 13,1 kg Körpergewicht) 4,1 – 3,8 mg/kg Körpergewicht
Dieselbe Rechnung für eine Höchstmenge von 150 mg Nitrat/kg im 200 Gramm Gläschen:
12 Monate (9,5 – 10,3 kg Körpergewicht) 3,2 – 2,9 mg/kg Körpergewicht
18 Monate (10,9 – 11,8 kg Körpergewicht) 2,8 – 2,5 mg/kg Körpergewicht
24 Monate (12,3 – 13,1 kg Körpergewicht) 2,4 – 2,3 mg/kg Körpergewicht

Tägliche Nitrataufnahme (mg/kg KG) von Kleinkindern, deren Körpergewicht dem Durchschnitt (Median) in der jeweiligen Altersgruppe entspricht.

Daraus ist zu leicht zu erkennen, dass der ADI Wert von 3,7 mg/kg Körpergewicht kaum oder gar nicht einzuhalten ist, solange nicht auf Fertignahrung mit einem niedrigeren Nitratgehalt von maximal 150 mg Nitrat/kg zurück gegriffen wird.

Im Jahre 1986 hatte das deutsche Bundesgesundheitsamt deshalb auch empfohlen, für die Zubereitung von Säuglingsnahrung einen Nitratgrenzwert von 10mg/l im Trinkwasser nicht zu überschreiten . Geht man davon aus, dass 12 Monate alte Kinder nur 100g Gemüse als Beikost verzehren, würde bei einer Nitrataufnahme von 10 mg/l Wasser (für ein Kind mit seiner Altersgruppe entsprechendem durchschnittlichen Körpergewicht) und einer Höchstmenge von 150 mg Nitrat/kg Beikost der ADI von 3,7 mg/kg KG nicht überschritten werden.1

Da der Mensch Nitrat nicht nur über das Trinkwasser sondern beispielsweise auch über verschiedene Gemüsesorten, die einen natürlichen, hohen Nitratgehalt aufweisen (Rucola und andere Blattsalate, Spinat, Kohlrabi, Rote Beete, Radieschen und Rettich) zu sich nimmt, sollte man besonders bei Kindern und älteren Menschen, die an bakteriellen Magen-Darm-Infektionen leiden, dem Nitratwert des Trinkwassers eine besondere Aufmerksamkeit widmen (9).